Moriz Glattauer (1870–1943)

Moriz Glattauer wurde am 16. Januar 1870 in Wien als Sohn von Samuel und Barbara Glattauer geboren. Von 1882 bis 1886 studierte er Violine am Wiener Konservatorium bei Josef Maxintsak, einem Mitglied der kaiserlichen Hofkapelle und des Hofoperorchesters, sowie bei Joseph Hellmesberger Jr., Violinsolist, Konzertmeister und Dirigent der Hofoper. Er schloss sein Studium mit einem Diplom ab.

Glattauer trat am 1. April 1916 als erster Geiger in das Orchester der Wiener Staatsoper und die Wiener Philharmoniker ein, eine Position, die er bis zu seiner Pensionierung Anfang Januar 1938 innehatte. Er hatte drei Geschwister: Emil, Ernestine und Friedrich. Seine erste Frau war Rudolfine (geb. Hertzka, 1882–1906). Er und seine zweite Frau, Anna Schidlof, heirateten 1915; das Paar lebte in der Riemergasse 8 im 1. Wiener Bezirk und war Mitglied der Israelitischen Kultusgemeinde Wien.

Nach dem Anschluss im März 1938 wurde jüdischen Musikern die Arbeit und das Auftreten untersagt. Sie sahen sich einer Reihe antisemitischer Maßnahmen gegenüber – insgesamt etwa 250 gesetzliche Einschränkungen –, die ihnen ihr berufliches und bürgerliches Leben nahmen. Ab 1940 wurden die Glattauers, wie die meisten in Wien verbliebenen Juden, aus ihrer Wohnung in der Riemergasse 8 vertrieben und in sogenannte „jüdische Sammelwohnungen“ oder „Judenhäuser“ gezwungen, wo Familien in Einzelzimmern ohne angemessene Wasch- oder Kochmöglichkeiten zusammengepfercht wurden. Zum Zeitpunkt ihrer Deportation war ihre letzte bekannte Adresse in Wien die Annagasse 3/7, ebenfalls im 1. Bezirk.

Die nationalsozialistische Leitung der Wiener Philharmoniker wandte sich an Walter Thomas, den Reichs-Kulturbeauftragten, und an Gauleiter Baldur von Schirach, um die verfolgten Mitglieder des Orchesters zu schützen. Schirach, der sich den Ruf eines Kunstmäzens aufgebaut hatte, blieb unbeeindruckt. Sein erklärtes Ziel war es, Wien von Juden und Tschechen zu befreien. Fünf Musiker der Philharmoniker und ihre Familien wurden deportiert; drei von ihnen, darunter Glattauer, wurden in das Ghetto Theresienstadt geschickt.

Deportation und Tod

Am 14. Juli 1942 wurde der damals 72-jährige Moriz Glattauer zusammen mit seiner Frau Anna im Transport IV/4 (Nr. 541) in das Ghetto Theresienstadt nordwestlich von Prag deportiert. Für die große Mehrheit der Gefangenen diente Theresienstadt eher als Durchgangsstation denn als Endziel. Von dort aus wurden regelmäßig Massentransporte in Vernichtungslager wie Treblinka, Auschwitz und Maly Trostinec entsandt. Innerhalb des Ghettos selbst herrschten entsetzliche Bedingungen: Hunger, fehlende sanitäre Einrichtungen und unzureichende Kleidung führten zum Tod von etwa 33.000 der rund 140.000 dorthin deportierten Menschen. Weitere 88.000 wurden in andere Vernichtungslager transportiert und ermordet.

Moriz Glattauer starb am 2. Februar 1943 im Alter von 73 Jahren in Theresienstadt. Als Todesursache wurde Phlegmona faciei, eine bakterielle Infektion des Gesichtsgewebes, angegeben. Anna Glattauer wurde am 15. Mai 1944 mit dem Transport Dz nach Auschwitz gebracht, wo sie ermordet wurde.

Gedenken

Im Jahr 2022 gab die Wiener Philharmonie auf Initiative ihres damaligen Vorsitzenden Daniel Froschauer Gedenksteine in Auftrag, die in die Pflastersteine vor den ehemaligen Wiener Wohnadressen von sechzehn unter dem Nazi-Regime verfolgten Orchestermitgliedern eingelassen wurden. Ein Stein zum Gedenken an Moriz und Anna Glattauer wurde vor der Riemergasse 8 verlegt. Ein siebzehnter Stein wurde zudem zu Ehren von Alma Rosé, der Tochter des Philharmoniker-Geigers Arnold Rosé, die in Auschwitz ermordet wurde, gesetzt. Von den sechzehn verfolgten Philharmonikern wurden fünf im Holocaust ermordet, zwei starben unter lebensbedrohlichen Bedingungen in Wien, und neun überlebten im Exil.

Musik und der Holocaust, 2026

Quellen

Mayrhofer, Bernadette. Moriz Glattauer (Violine I). Historisches Archiv der Wiener Philharmoniker. Übersetzt von Gloria McElheney. Verfügbar unter: www.wienerphilharmoniker.at [Zugriff 2024].

Israelitische Kultusgemeinde Wien, Abteilung für Restitutionsangelegenheiten. Aufzeichnungen zusammengestellt von Sabine Loitfellner. Zitiert in Mayrhofer (siehe oben).

Archiv der Stadt und des Landes Wien. Historische Wohnsitzregister. Zitiert in Mayrhofer (siehe oben).

Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes. Online-Datenbank. Verfügbar unter: www.doew.at [Zugriff 2024].

Archiv der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien. Jahrbücher des Wiener Konservatoriums der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien. Von Lynne Heller zusammengestellte Unterlagen zu Josef Maxintsak und Joseph Hellmesberger Jr. Zitiert in Mayrhofer (siehe oben).

Wiener Philharmoniker. Steine der Erinnerung [Pressemitteilung]. Wiener Philharmoniker, 2022–2023. Verfügbar unter: www.wienerphilharmoniker.at

Österreich Wiki. Moriz Glattauer. Verfügbar unter: oesterreichwiki.org/wiki/Moriz_Glattauer [Zugriff 2024].

Holocaust.cz. Moritz Glattauer (geboren am 16. Januar 1870 in Wien; ermordet am 2. Februar 1943 in Theresienstadt). Opferdatenbank, Opfer-ID 50867. Transport IV/4, Nr. 541 (Wien–Theresienstadt). In der Sterbeurkunde ist als Todesursache „Phlegmona faciei“ angegeben. Verfügbar unter: www.holocaust.cz/en/database-of-victims/victim/50867-moritz-glattauer/ [Zugriff 2024].

Anmerkung: Die Datenbank holocaust.cz enthält einen zweiten Eintrag unter einem fast identischen Namen – Moritz Glattauer, Opfer-ID 50868 (geboren am 23. Oktober 1872; letzte Adresse Wien 20, Rauscherstraße 5/19; Transport IV/9, Nr. 529; ermordet am 4. Dezember 1942, als Todesursache ist Herzinfarkt vermerkt). Verfügbar unter: www.holocaust.cz/en/database-of-victims/victim/50868-moritz-glattauer/ [Zugriff 2024]. Ein Abgleich von Geburtsdatum, letzter Adresse, Todesdatum, Todesursache und Transportdatum mit allen anderen verfügbaren Quellen bestätigt, dass es sich bei der Opfer-ID 50867 um den Geiger der Wiener Philharmoniker handelt. Die Opfer-ID 50868 bezieht sich auf eine andere Person.

LEARN MORE