Philomena Franz
Philomena Franz (geb. Köhler), geboren am 21. Juli 1922 in Biberach, wuchs in einer Familie mit tief verwurzelten musikalischen Traditionen auf. Ihr Vater Johann Köhler war Cellist, ihre Mutter Sängerin und ihr Großvater Johannes Haag ein preisgekrönter Cellist in einem Streichquartett. Als junges Mädchen trat Philomena mit dem Ensemble ihrer Familie als Sängerin und Tänzerin auf, unter anderem an renommierten Veranstaltungsorten wie dem Lido in Paris und den Wintergärten in Berlin.
Dieses künstlerische Leben fand Ende der 1930er Jahre ein jähes Ende, als das NS-Regime seine Verfolgung der Roma verschärfte. 1938 erließ Heinrich Himmler einen Erlass, der alle Roma zur Registrierung beim Staat verpflichtete und sie offiziell als nicht-arisch einstufte. Der Familie Franz wurden zunächst die Pässe und anschließend ihre Musikinstrumente beschlagnahmt, was ihre Karriere als Künstlerinnen und Künstler faktisch beendete.
Am 21. April 1944 wurde Philomena in Auschwitz-Birkenau unter der Häftlingsnummer Z 10.550 registriert (die sie für den Rest ihres Lebens als Tätowierung auf ihrem linken Arm trug). Im Mai/Juni 1944 wurde sie in das Konzentrationslager Ravensbrück verlegt, wo sie als Häftling Nr. 40.307 registriert wurde. Über ihre Erfahrungen in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern schrieb Philomena Franz:
„Ich bin ein Vogel, kann nicht fliegen. Sie haben mir die Flügel gestutzt.“
Das Bild einer zum Schweigen gebrachten Musikerin hallt in dieser Aussage nach. Für Franz, deren Identität tief in der Musik und der darstellenden Kunst verwurzelt war, spricht diese Metapher für vielfältige Formen der Gefangenschaft – körperliche Inhaftierung, kulturelle Unterdrückung und die Beendigung des künstlerischen Ausdrucks, der ihre Familie zuvor über Generationen hinweg geprägt hatte.
Während konkrete Details zu ihren künstlerischen Aktivitäten während der Gefangenschaft in den verfügbaren Quellen nur begrenzt zu finden sind, deuten ihre späteren Gedichte und Schriften darauf hin, dass der kreative Ausdruck zu einem inneren Überlebensmechanismus wurde. Der krasse Gegensatz zwischen ihrer künstlerischen Erziehung und der Brutalität der Lager prägte später ihr kreatives Schaffen, insbesondere in ihrer Lyrik, die sich mit Fremdenfeindlichkeit und der Verarbeitung von Traumata befasste.
Nach einem gescheiterten Fluchtversuch aus Ravensbrück gelang Franz 1945 die Flucht aus einem Lager bei Wittenberge. Mit Hilfe eines deutschen Bauern gelang es ihr, sich bis zum Kriegsende versteckt zu halten.
Nach der Befreiung erfuhr Philomena, dass der Großteil ihrer Familie in den Lagern ermordet worden war. Ihre Eltern, Onkel, Neffen, Nichten und fünf ihrer sieben Geschwister waren im Porajmos (dem Holocaust an den Roma) umgekommen. Einer ihrer überlebenden Brüder hatte in der Wehrmacht gedient und war dank seiner Fähigkeiten im Umgang mit Pferden und dem Schutz seines Kommandanten nicht entdeckt worden.
Da für überlebende Roma nur minimale Hilfe zur Verfügung stand, kehrte Franz zur Musik zurück – sowohl aus wirtschaftlicher Notwendigkeit als auch als eine Form der Heilung. Sie schloss sich mit anderen Sinti-Musikern zusammen, um eine Band zu gründen, die durch Deutschland tourte und für die alliierten Truppen spielte. Während dieser Zeit trat sie mit ihrem zukünftigen Ehemann Oskar Franz und ihrem überlebenden Bruder in Offizierskasernen der Amerikaner sowie bei Veranstaltungen in Ansbach und Tübingen auf.
Poesie und Schreiben als Mittel zur Traumaverarbeitung
In den Jahren nach dem Krieg litt Philomena unter schweren Depressionen, wiederkehrenden Albträumen und einem anhaltenden Gefühl der Gefangenschaft. Gleichzeitig kämpfte sie gegen die mangelnde offizielle Anerkennung der Sinti und Roma als Holocaust-Opfer und gegen unzureichende Wiedergutmachungsbemühungen. Als ihr schließlich 15.000 Mark als Entschädigung zugesprochen wurden, zogen Sozialbeamte andere Zahlungen ab, wodurch sich der Betrag erheblich verringerte.
Ein Wendepunkt kam in den 1970er Jahren, als eines ihrer fünf Kinder in der Schule als „Zigeuner“ (eine abwertende Bezeichnung für Roma) gemobbt wurde. Dieser Vorfall veranlasste Franz, mit Schülern und Lehrern über den Holocaust zu sprechen, was den Beginn ihrer Umwandlung von Erinnerung in Erzählung markierte.
Ihre erste Veröffentlichung erschien 1982 mit „Zigeunermärchen“, einer Sammlung von Märchen für Kinder. 1985 veröffentlichte sie ihre bahnbrechende Autobiografie „Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben“, eine der ersten schriftlichen Schilderungen einer Überlebenden des Roma-Holocausts. In diesem Werk beschrieb sie ihre Zeit in Auschwitz und wie sie „das Leben nach dem Nullpunkt fortsetzte“.
Franz schrieb weiter und veröffentlichte eine Gedichtsammlung mit dem Titel „Tragen wir einen Blütenzweig im Herzen“, gefolgt von „Stichworte“ und 2017 von „Wie die Wolken laufen“.
Ihre Lyrik befasste sich insbesondere mit dem Thema Gewalt und nutzte die Verse als Mittel gegen Fremdenfeindlichkeit und zur Verarbeitung des unvorstellbaren Traumas, das sie erlebt hatte. Wie sie in ihrem Zeugnis zum Ausdruck brachte: „Ich habe mich für die gute Seite entschieden, die Seite der Versöhnung … Ich wollte keinen Hass, sondern Erleuchtung, das musste sein, aber ohne Hass und ohne Anklage.“
1922: Geboren am 21. Juli in Biberach, Deutschland, als Tochter einer Sinti-Musikerfamilie.
1922–1938: Tritt mit ihrer Familie in ganz Deutschland und Frankreich auf.
1938: Das NS-Regime verschärft die Verfolgung der Roma durch Himmlers Erlass zur Registrierung.
1943: Nach Auschwitz deportiert.
1944: Am 21. April offiziell in Auschwitz-Birkenau registriert.
1944–1945: Nach Ravensbrück verlegt; unternahm einen erfolglosen Fluchtversuch.
1945: Erfolgreiche Flucht aus einem Lager bei Wittenberge; bis Kriegsende von einem deutschen Bauern versteckt.
Nach 1945: Gründete mit anderen überlebenden Sinti eine Musikgruppe; trat für alliierte Truppen auf.
Ende der 1940er Jahre: Lerne Oskar Franz kennen und heiratet ihn; sie haben fünf Kinder.
1950er–1960er Jahre: Kämpft mit Depressionen, Albträumen und der mangelnden Anerkennung für Roma-Opfer.
1970er Jahre: Beginnt, öffentlich über ihre Holocaust-Erfahrungen zu sprechen, nachdem ihr Sohn gemobbt wurde.
1982: Veröffentlicht „Zigeunermärchen“, eine Sammlung von Märchen.
1985: Veröffentlichung der Autobiografie „Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben“.
1995: Verleihung des Bundesverdienstkreuzes am Band.
2001: Auszeichnung als „Frau Europas Deutschland 2001“ durch die Europäische Bewegung Deutschland.
2013: Verleihung des Verdienstordens des Landes Nordrhein-Westfalen.
2021: Verleihung der Ehrenbürgerschaft von Bergisch Gladbach, wo sie ihre letzten Lebensjahre verbrachte.
2022: Verstorben am 28. Dezember im Alter von 100 Jahren.
2023: Beigesetzt am 9. Januar auf dem Kölner Westfriedhof; Gegenstand des Films „Mi holocausto“.
Impact on Holocaust Education
Franz war die erste Roma-Frau, die ihre Erlebnisse in den Konzentrationslagern der Nazis schriftlich festhielt. Zusammen mit Zeitgenossen wie Ceija Stojka, Otto Rosenberg, Walter Winter und Alfred Lessing trug sie in den 1980er Jahren dazu bei, das Schweigen rund um den Holocaust an den Roma und Sinti zu durchbrechen. Sie und Stojka gelten als Pionierinnen der Roma-Literatur von Frauen.
Franz war die erste Roma-Frau, die ihre Erlebnisse in den Konzentrationslagern der Nazis schriftlich festhielt. Zusammen mit Zeitgenossen wie Ceija Stojka, Otto Rosenberg, Walter Winter und Alfred Lessing trug sie dazu bei, in den 1980er Jahren das Schweigen rund um den Holocaust an Roma und Sinti zu brechen. Sie und Stojka gelten als Pionierinnen der Roma-Literatur von Frauen.
Ihr Ansatz in der Holocaust-Aufklärung legte den Schwerpunkt eher auf Versöhnung als auf Hass. Wie sie in ihrer Zeugenaussage erklärte: „Was zählt, ist die Art und Weise, wie den Menschen vermittelt wird, was geschehen ist … Ich habe mich für die gute Seite entschieden, die Seite der Versöhnung.“
Wissenschaftler haben darauf hingewiesen, wie Franz den Kontrast zwischen ihrer idyllischen, von Musik geprägten Kindheit und den Schrecken der Konzentrationslager in ihren Schriften wirkungsvoll einsetzte. Ihre Kindheitserfahrungen mit Pferden und dem Pferdehandel gelten zudem als wichtige kulturelle Erinnerungen für das Volk der Sinti.
Bis zum Ende ihres Lebens blieb Franz eine aktive Zeitzeugin und sprach regelmäßig vor unterschiedlichem Publikum über den Völkermord an den Roma. Ihre Aussage wurde mit 360°-Technologie aufgezeichnet, um ihr Zeugnis für künftige Generationen zu bewahren. Im Jahr 2015 war sie eine von 19 Auschwitz-Überlebenden, deren Berichte in der Sonderausgabe „Die letzten Zeugen“ des Spiegel vorgestellt wurden.
Philomena Franz’ einzigartige Kombination aus musikalischem Erbe, poetischem Ausdruck und Engagement für Bildung hat sie zu einer bedeutenden Persönlichkeit in der Roma-Literatur und der Holocaust-Gedenkkultur gemacht. Durch ihre Kunst und ihr Engagement trug sie wesentlich dazu bei, die Erfahrungen der Roma während des Holocaust stärker ins Bewusstsein zu rücken, und setzte sich dabei für eine Botschaft der Versöhnung statt der Rache ein.
Sources
Franz, Philomena. 1982. Zigeunermärchen. Bonn: Europa-Union-Verlag
Franz, Philomena. 1985. Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben. Freiburg: Herder. ISBN: 3451203987 / 3-451-20398-7
Franz, Philomena. 2001. Zwischen Liebe und Hass: Ein Zigeunerleben. Köln: Books on Demand.
Franz, Philomena. 2016. Stichworte. Norderstedt: Books on Demand.






