Helena Wertheim

Helena Wertheim war eine 1879 in Warschau geborene Opernsängerin, die in der Zwischenkriegszeit auf Bühnen in Polen und im Ausland sang und zu den ersten Musikerinnen gehörte, die im polnischen Rundfunk zu hören waren. Im August 1925 wirkte sie an einem Tschaikowsky-Abend mit, den eine der Warschauer Rundfunkpioniergesellschaften übertrug – offenbar ihr erster Auftritt vor einem Mikrofon. Fünfzehn Jahre später war sie im Warschauer Ghetto eingeschlossen, wo sie unter den dortigen Bühnenkünstlern verzeichnet ist und wo sie in einer der deutsch geführten Werkstätten in der Gęsia-Straße arbeitete. Dort wurde sie während der deutschen Aktion im Januar 1943 getötet, erschossen zusammen mit einer Gruppe von Frauen, die sich in einer Kammer unter einem Haufen Federn versteckt hatten. Ihren Tod schildert der jiddische Schauspieler und Regisseur Jonas Turkow, der sie im Ghetto kannte und sie „die bekannte Opernsängerin“ nannte.

Sie wurde am 25. Juni 1879 in Warschau geboren und wird als Sopranistin beschrieben, die in den Zwischenkriegsjahren auf Opernbühnen in Polen und im Ausland auftrat. Durch Heirat war sie mit einer in der polnisch-jüdischen Kunst bekannten Familie verbunden: Turkow bezeichnet sie zweimal als Schwägerin des Malers Wicek Brauner – Wincenty beziehungsweise Icchok Brauner (1887–1944), Mitglied der Łódźer Avantgardegruppe Jung Jidysz, der im Ghetto Łódź eingeschlossen und im August 1944 nach Auschwitz deportiert wurde. Turkow nennt sie zudem Wertheim-Brauner und führt sie im Register als Brauner-Wertheim, sie scheint den angeheirateten Namen also neben ihrem eigenen geführt zu haben.

Der polnische Rundfunk war im Sommer 1925 erst wenige Monate alt. Die Polskie Towarzystwo Radiotechniczne, eine kommerzielle Rundfunkgesellschaft, hatte im Februar jenes Jahres in Warschau mit Versuchssendungen begonnen, mehr als ein Jahr bevor die staatliche Rundfunkanstalt Polskie Radio ihren regulären Betrieb aufnahm. Die Programme waren kurz und gemischt und wurden um diejenigen Interpreten herum aufgebaut, die sich ins Studio holen ließen; ein einem einzelnen Komponisten gewidmeter Abend war ein geläufiges Format. Am Samstag, dem 1. August 1925, sendete die Gesellschaft zwischen acht und zehn Uhr abends auf der Wellenlänge 385 Meter einen Tschaikowsky-Abend mit Instrumentalstücken, Arien und Liedern. Er vereinte das Trio von Lidia Kmitowa und den Tenor Mieczysław Salecki, beide den Hörern bereits vertraut, sowie Helena Wertheim, die wohl zum ersten Mal vor einem Rundfunkpublikum auftrat. Angekündigt wurde das Programm am 31. Juli 1925 in der Rundfunkwochenschrift Radjofon Polski.

Die Warschauer Juden wurden im November 1940 im Ghetto eingeschlossen. Das Musikleben dort war umfangreich und eine Zeit lang genehmigt: fünf Theater, Cafés mit Kabarettprogrammen, ein Symphonieorchester und Musiker, die auf den Straßen spielten. Jonas Turkow, vor dem Krieg Schauspieler und Regisseur, gehörte zu den Organisatoren dieser Tätigkeit und später zu ihren Chronisten. In der Liste der Bühnen- und Varietékünstler des Ghettos, die er für seine Erinnerungen zusammenstellte, erscheint Helena Wertheim unter etwa fünfzig Namen, neben Wiera Gran, Marysia Ajzensztadt und der Sopranistin Czesława Perenson. Über diese Liste gelangte sie in die Internet-Datenbank des Warschauer Ghettos, die sie als schöpferische Künstlerin verzeichnet, die sich im Ghetto befand.

Turkows Darstellung verortet sie genauer. Nach den Massendeportationen des Sommers 1942, als die verbliebene Bevölkerung um die deutschen Werkstätten herum konzentriert wurde, beschreibt er, wie sein polnischer Freund Gerard Gadejski einen Monatspassierschein erhielt, um das Ghetto zu betreten und dort seine Bekannten zu besuchen: die Familie von Julian Neumark, „die Sängerin Helene Wertheim (die Schwägerin des Malers Wicek Brauner)“ und Turkow selbst. Bei der Aufzählung der Arbeiter in Nossens Metallwerkstätten in der Gęsia-Straße nennt Turkow den Arzt und Gemeindeaktivisten David Wdowiński, Dr. Bakman, Zygmunt Alter, seinen eigenen Schwager Pinkus Blumenfeld und „die Sängerin Wertheim-Brauner“. Er fügt eine praktische Beobachtung über den Ort hinzu: Da die Werkstatt nahe am jüdischen Friedhof an der Okopowa-Straße lag, ließ sich von dort aus Kontakt zur polnischen Seite der Mauer halten. Im Winter 1942 war die Arbeit in einer deutschen Werkstatt der wichtigste verfügbare Schutz im Ghetto, und Wertheims Anwesenheit dort zeigt, dass ihr eine Arbeitskarte zugeteilt worden war und sie im Sommer nicht nach Treblinka deportiert worden war.

Zwischen dem 18. und 21. Januar 1943 unternahmen die Deutschen eine weitere Deportationsrunde. Etwa fünftausend Menschen wurden nach Treblinka geschickt, rund 1.170 wurden im Ghetto selbst getötet. Die Aktion stieß auf den ersten organisierten bewaffneten Widerstand in Warschau und wurde nach vier Tagen abgebrochen; deshalb gilt sie vor allem als Vorspiel des Aufstands drei Monate später. Sie erreichte auch die Werkstätten, und in den Werkstätten kam Wertheim ums Leben. Turkow erfuhr davon, als er einen Passierschein erhielt und durch die menschenleeren Straßen Karmelicka und Nowolipki ging, um seinen Schwager in Nossens Werkstatt zu besuchen:

„Ich erfuhr von der Vernichtung, welche die Deutschen dort während der Januar-‚Aktion‘ angerichtet hatten; viele wurden ermordet, unter ihnen die bekannte Opernsängerin Helena Wertheim – die Schwägerin des Kunstmalers Wicek Brauner. Als während der ‚Aktion‘ Nossens Werkstatt an der Reihe war, beschlossen einige Frauen, unter ihnen Wertheim, sich in einer Kammer unter einem Haufen Federn zu verstecken. Die Deutschen kamen herein und schossen mit Maschinengewehren in den Federhaufen, unter dem die versteckten Frauen lagen. Alle kamen um und färbten die Federn mit ihrem Blut.“

Nach der Aktion, fügt Turkow hinzu, holte der Leichenwagen von Mordechai Pinkert, dem Bestatter des Ghettos, die Toten ab und brachte sie auf den Friedhof an der Gęsia-Straße.

Nachschlagewerke, die Helena Wertheim nennen, geben ihren Tod mit etwa 1942 an. Turkow, der damals im Ghetto war und seinen Bericht 1948 in Buenos Aires veröffentlichte, datiert ihn auf die Januaraktion 1943, und seiner Datierung ist der Vorzug zu geben.

Quellen

'Helena Wertheim'. Internetowy Słownik Biograficzny Artystów Scen Polskich. janek.czarnieckiego.pl/artysta/helena-wertheim/

Muzeum Sztuki w Łodzi. 'Brauner, Wincenty (Icchak)'. zasoby.msl.org.pl/martists/view/612

Muzeum Miasta Łodzi. 'Jung Idysz'. Panteon Wielkich Łodzian. panteon.muzeum-lodz.pl/jung-idysz/

'Piosenkarze i artyści sceny w getcie'. Internetowa baza danych i mapa getta warszawskiego. getto.pl/pl/Wydarzenia/Piosenkarze-i-artysci-sceny-w-getcie

Posen Library of Jewish Culture and Civilization. 'Vincent Brauner (Yitskhok Broyner)'. www.posenlibrary.com/author/vincent-brauner-yitskhok-broyner

RadioPolska. 'Wydarzyło się 1.08.1925'. 100 lat polskiej radiofonii. radiopolska.pl/100lat/wydarzylo_sie_19250801 (zitiert Radjofon Polski, 31. Juli 1925).

Turkow, Jonas. Azoy iz es geven: hurbn Varshe. Buenos Aires: Tsentral-farband fun Poylishe Yidn in Argentine, 1948, S. 232, 242–243, 330, 476. archive.org/details/nybc200782

Turkow, Jonas. C'était ainsi: 1939–1943, la vie dans le ghetto de Varsovie. Paris, 1995, S. 201.

'Wertheim Helena'. Internetowa baza danych i mapa getta warszawskiego. getto.pl/en/People/W/Wertheim-Helena-Unknown

 

Żydowski Instytut Historyczny. '1943: styczniowa akcja likwidacyjna w getcie warszawskim'. www.jhi.pl/artykuly/1943-styczniowa-akcja-likwidacyjna-w-getcie-warszawskim,424