Jascha Nemtsov, 2026
Eta Tyrmand
Eta bzw. Edi Tyrmand, geboren am 23. Februar 1917 in Warschau, war Komponistin, Pianistin und Musikpädagogin und zählt zu den prägenden Persönlichkeiten der belarussischen Musikkultur des 20. Jahrhunderts. In ihrem sowjetischen Pass wurde ihr Name als Eta Moisejewna Tyrmand (Эта Моисеевна Тырманд) eingetragen – „Eta“ ist eine jiddische Kurzform von Esther. Inoffiziell wurde sie aber meist Edi oder Eddi genannt, so auch in den Druckausgaben ihrer Kompositionen in der postsowjetischen Zeit.
Ihr Lebensweg war eng mit den politischen Umbrüchen ihrer Zeit verknüpft. Insbesondere die Erfahrungen von Verfolgung und Flucht während des Holocaust sowie die Prägung durch ihre jüdische Herkunft bestimmten sowohl ihre Biografie als auch ihr künstlerisches Schaffen maßgeblich.
Tyrmand wuchs in einem bildungsbürgerlichen, musikalisch geprägten jüdischen Elternhaus auf und erhielt bereits im Alter von vier Jahren ersten Klavierunterricht. Schon als junges Mädchen wurde sie von Henryk Melcer-Szczawiński (1869–1928) unterrichtet, einem herausragenden Pianisten, Komponisten, Schüler von Theodor Leschetizky und dem späteren Direktor des Warschauer Konservatoriums. Mit zwölf Jahren bestand Tyrmand die anspruchsvolle Aufnahmeprüfung für die Klavierabteilung des Warschauer Konservatoriums (heute: Frédéric-Chopin-Universität für Musik). Dort erhielt sie Klavierunterricht von renommierten Pädagogen wie Paweł Lewicki und Marcelina Kimontt-Jacyna, die sowohl in der Tradition der polnischen als auch der russischen Klavierschule standen. Darüber hinaus studierte sie Musiktheorie und Polyphonie bei Witold Maliszewski (1873–1939), dem Gründer und ersten Direktor des Konservatoriums in Odessa und Schüler von Nikolai Rimski-Korsakow.
1935 belegte Tyrmand parallel zu ihren Klavierstudien einen weiteren Studiengang in der musikpädagogischen Abteilung des Konservatoriums, mit Schwerpunkt auf Chorleitung bei dem Komponisten und Chordirigenten Stanisław Kazuro (1881–1961).
Neben ihrer Ausbildung am Konservatorium wurde Tyrmands musikalisches Empfinden maßgeblich durch das reiche jüdische Kulturleben Warschaus geprägt. Insbesondere die synagogale Musik der orthodoxen Großen Synagoge sowie der reformorientierten Nożyk-Synagoge, in der ihre Onkel im Chor sangen, hinterließ nachhaltige Eindrücke. Bereits in jungen Jahren trat sie als versierte Improvisatorin hervor, etwa durch die kurzfristige Vertretung des Organisten in der Synagoge oder durch die Begleitung des berühmten Kantors Moshe Koussevitzky.
Im Polen der 1930er-Jahre war sie zunehmend antisemitischen Anfeindungen ausgesetzt, die sich unter anderem in sozialer Ausgrenzung durch Kommilitonen manifestierten. Das jüdische Leben in Warschau war um diese Zeit durch immer stärkere soziale Abkapselung geprägt: Separate Schulen, eigene Freizeitangebote und ein weitgehend nach innen gerichtetes Gemeinschaftsleben bildeten eine Art inneres Ghetto – lange vor der offiziellen Einrichtung des Ghettos durch die deutschen Besatzer. In einem späteren Interview sagte Tyrmand über diese Zeit: „Ich war damals eine echte Zionistin, lebte in einer wirklich jüdischen Umgebung …. Die jüdische Musik war tief in mir verankert.“ Während ihres Studiums war sie als Klavierbegleiterin für jüdische Künstlerinnen tätig, darunter die Volkssängerin Lola Folman und die Tänzerin Ruth Abramowitsch. Diese Tätigkeit wirkte sich nachhaltig auf ihr späteres kompositorisches Schaffen aus, insbesondere im Hinblick auf die rhythmische Gestaltung ihrer Werke sowie auf die zentrale Bedeutung improvisatorischer Elemente.
1938 komponierte sie ihre ersten eigenen Werke: zwei Lieder für die Abschlussprüfung in Stimmbildung. Eines davon wurde in das Repertoire des bekannten polnischen Unterhaltungssängers Mieczysław Fogg (1901–1990) aufgenommen – ein großer Erfolg für die angehende Komponistin.
Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 bedeutete einen abrupten Bruch in Edi Tyrmands Lebensweg. Sie gehörte zu einer Gruppe von Studenten des Warschauer Konservatoriums, die sich zum Zeitpunkt des deutschen Überfalls auf Polen in einem Sommerlager im Osten des Landes befand. Die Nachrichten von den Luftangriffen auf Warschau, von Bränden und dem Vormarsch deutscher Truppen machten eine Rückkehr in die Hauptstadt unmöglich. Angehörige, die telefonisch noch erreicht werden konnten, warnten eindringlich vor einer Heimkehr. Einige junge Musiker, darunter Tyrmand und ihre Freunde, die Komponisten Genrikh Wagner (1922–2000) und Lew Abeliowitsch (1912–1985), entschieden sich zur Flucht ostwärts. Wie genau die Route der Flüchtlinge verlief, ist nicht bekannt; fest steht nur, dass sie schließlich in der Stadt Białystok ankamen. Das Gebiet um Białystok war zunächst von deutschen Truppen besetzt, wurde jedoch am 22. September 1939 – entsprechend den geheimen Vereinbarungen des deutsch-sowjetischen Nichtangriffspakts – an die sowjetischen Streitkräfte übergeben. Gemeinsam mit weiteren vormals ostpolnischen Regionen wurde es in die Belarussische Sowjetrepublik eingegliedert.
Bereits im Oktober 1939 befanden sich Tyrmand und ihre Freunde bereits in Minsk, wo sie umgehend die Möglichkeit erhielten, ihr Studium am dortigen Konservatorium fortzusetzen. Zu dieser Gruppe polnisch-jüdischer Flüchtlinge gehörte neben Tyrmand, Wagner und Abeliowitsch auch Mieczysław Weinberg (1919–1996), der später zu einem der bedeutendsten Komponisten der sowjetischen Moderne werden sollte. Edi Tyrmand wurde direkt in das zweite Studienjahr im Fach Klavier aufgenommen – in die Klasse des angesehenen Pianisten und Komponisten Alexei Klumow (1907–1944), eines Schülers des legendären Klavierpädagogen Heinrich Neuhaus am Moskauer Konservatorium. Klumow war zudem bekannt für seine eigenständigen Beiträge zur belarussischen Klaviermusik.
Die Migration nach Belarus stellte eine biografische Zäsur dar, die Tyrmand rückblickend als „zweite Geburt“ bezeichnete. Mit ihrer Ankunft in Minsk begann für Tyrmand nicht nur ein neuer Abschnitt ihrer musikalischen Ausbildung, sondern auch eine tiefe soziale und emotionale Neuorientierung. Hier fand sie eine unterstützende, offene Atmosphäre, in der sie sich als Musikerin und als Mensch akzeptiert fühlte. „Ich empfand große Dankbarkeit gegenüber dem Land, das mich aufgenommen hatte“, beschrieb sie später ihre Empfindungen. Im Unterschied zu ihren Erfahrungen in Polen nahm sie die sowjetische Gesellschaft als vergleichsweise integrativ wahr; sie erhielt ein Stipendium sowie einen Wohnheimplatz am Minsker Konservatorium. In diesem Kontext begann sie, sich zunehmend als belarussische Musikerin zu identifizieren.
Ihre künstlerische Identität wurde wesentlich durch das sowjetische Kulturklima geprägt, das – trotz ideologischer Kontrolle – Frauen neue berufliche Wege eröffnete und für jüdische Künstler zunächst eine Phase relativer Sicherheit bedeutete. Als entscheidend für ihre musikalische Entwicklung erwies sich die praktische Arbeit als Korrepetitorin, insbesondere das improvisatorische Begleiten von Tanzstunden – eine Fähigkeit, die sie schon in Warschau erlernt hatte.
Sie beherrschte schon bald die russische Sprache und fühlte sich ganz in ihrem Element, wenn sie sich etwa mit den Feinheiten der Vertonungen von Puschkins Gedichten beschäftigte.
Die Zusammenarbeit mit anderen Musikern trug zur Festigung ihrer Stellung im kulturellen Leben der Stadt bei. So führte sie zusammen mit Mieczysław Weinberg im belarussischen Rundfunk vierhändige Jazzimprovisationen auf: „Man stellte eine große Uhr vor uns, und wir spielten nach Gehör ein Potpourri von Songs aus amerikanischen Filmen. Wir einigten uns lediglich auf die Anfangstonart – und dann improvisierten wir einfach drauflos.“
Im Zuge der Vorbereitung der „Ersten Dekade der belarussischen Kunst“ in Moskau (am 5.-14. Juni 1940) wurde Tyrmand als Pianistin in das neu formierte Staatliche Belarussische Sinfonieorchester aufgenommen. Dort lernte sie ihren späteren Ehemann, den Geiger Israel Thursz, ebenfalls einen polnisch-jüdischen Flüchtling, kennen.
Der deutsche Überfall auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 und das rasche Vorrücken der deutschen Truppen, die bereits am 28. Juni in Minsk einmarschierten, machte eine erneute Flucht erforderlich. Tyrmand und Thursz kamen über Taschkent nach Frunse (heute Bischkek) in Kirgisien. In dieser Phase existenzieller Bedrohung erwies sich eine zufällige Begegnung mit der Schauspielerin Ida Kamińska (1899–1980) als entscheidend für ihr weiteres Überleben. Kamińska hatte das Lemberger Jiddische Staatstheater (GosET) während der Evakuierung nach Zentralasien begleitet und leitete das Ensemble unter prekären Bedingungen. Tyrmand wurde als musikalische Leiterin dieses evakuierten Theaters engagiert, sie rekonstruierte die Musik aus dem Gedächtnis und begleitete die Aufführungen pianistisch.
Ihr Wirken in Frunse war vielfältig: Sie leitete ein Jazzensemble für Rüstungsarbeiter, gründete einen Kinderchor für Waisenkinder aus dem belagerten Leningrad und komponierte Lieder für das polnische Heer. In dieser Zeit entstand mit Improvisation und Tanz (1945) ihr erstes eigenständiges Werk, das explizit auf die jüdische Musiktradition – synagogale Kantorengesänge und Klezmermusik – Bezug nahm.
Gegen Ende des Krieges erreichte Tyrmand die Nachricht vom Tod ihrer gesamten Familie im Warschauer Ghetto – ein traumatisches Ereignis, das ihr weiteres Leben nachhaltig prägte.
Nach ihrer Rückkehr nach Minsk im Jahr 1948 begann eine Phase weiterer Professionalisierung. Tyrmand studierte Komposition bei Anatoli Bogatyrjow, einem führenden Vertreter der belarussischen Kompositionsschule der Nachkriegszeit. 1954 wurde sie als erste Frau in den belarussischen Komponistenverband aufgenommen. Neben ihrer kompositorischen Tätigkeit leistete sie grundlegende Aufbauarbeit in der Musikpädagogik, indem sie am Minsker Konservatorium die Fachrichtung Korrepetition etablierte und über Jahrzehnte hinweg Generationen von Musikerinnen und Musikern prägte. Ihr Unterricht zeichnete sich durch die Vermittlung stilistischer Präzision und eines ausgeprägten Verständnisses für Semantik musikalischer Texte aus. Als kulturelle Vermittlerin trug sie zudem zur Rezeption westlicher Komponisten wie Mahler, Strawinsky und Szymanowski im belarussischen Musikleben bei.
Tyrmands kompositorisches Œuvre ist zwar quantitativ überschaubar, jedoch durch hohe handwerkliche Qualität und ausgeprägte theatralische Plastizität gekennzeichnet. Ihre Tonsprache bewegt sich im Spannungsfeld einer erweiterten Tonalität, die bis an die Grenze zur Atonalität reicht, und integriert polytonale sowie modale Elemente. Ein Schwerpunkt ihres Schaffens lag im Bereich der Kammermusik, insbesondere für Streichinstrumente und Klavier, nicht zuletzt begünstigt durch die Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann. Zu den zentralen Werken zählen die Sonate für Viola und Klavier (1961), das erste bedeutende belarussische Werk für diese Besetzung, sowie die Klaviersuite (1962), deren moderne, dissonanzreiche Sprache zunächst auf Vorbehalte stieß. Charakteristisch für ihre Arbeitsweise war ein ausgeprägter Perfektionismus; mitunter führte ihre große Selbstkritik dazu, dass sie innerhalb eines Jahres nur ein einziges Werk zur endgültigen Fassung brachte.
Die letzten Lebensjahrzehnte waren von zunehmender persönlicher Isolation und gesundheitlichen Beeinträchtigungen geprägt. Ihr Ehemann Israel Thursz litt unter den psychischen Folgen der Shoah und später an einer demenziellen Erkrankung, bevor er verstarb. Sein Tod bedeutete für Tyrmand den Verlust ihres geliebten Lebenspartners und zugleich des letzten familiären Rückhalts. Sie selbst verlor infolge misslungener Augenoperationen wegen einer altersbedingten Katarakt nahezu vollständig ihr Augenlicht. In dieser späten Schaffensphase entstand mit der Elegischen Improvisation für Violine und Klavier (1988) ein Werk, das explizit dem Gedenken an ihre im Holocaust ermordete Familie gewidmet ist. Sie bezeichnete es als ihr kostbarstes Werk – als ein „improvisiertes Requiem“, das ohne direkte Zitate auskommt, jedoch in hoher emotionaler Verdichtung an jüdische Musiktraditionen anknüpft.
Trotz ihrer nach außen hin strengen und professionellen Haltung als Pädagogin war ihr inneres Erleben von tiefem Verlustschmerz und anhaltender Trauer geprägt. Eta Tyrmand verstarb am 29. April 2008 in Minsk im Alter von 91 Jahren. Ihr Nachlass wird heute im Museum für Geschichte und Kultur der belarussischen Juden in Minsk verwahrt und dokumentiert ihr bleibendes Wirken als Musikerin, Pädagogin und kulturelle Vermittlerin.

Eta Tyrmand at the piano, 1939. Courtesy Jascha Nemtsov.






